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Teil 01

Die Operation

Wie man ein Ereignis von seiner Ursache entkoppelt. Ein allgemeiner Mechanismus, beschrieben am konkreten Fall.

Das Leiden deutscher Zivilisten vom Krieg zu trennen, der es hervorgebracht hat, ist nicht das Werk einer Rede, eines Buches oder einer Politikerin. Es ist eine Abfolge. Jede Stufe ist für sich lesbar. Zusammengenommen bilden sie einen wiederholbaren Vorgang, mit dem ein historisches Ereignis von seiner Ursache gelöst und in einen Rahmen umgesetzt wird, der der erinnernden Gruppe schmeichelt.

Die sechs Stufen unten beschreiben das allgemeine Muster. Die Belege stammen aus einem einzigen Fall: der Gründung, Übernahme und Rückeroberung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung (SFVV) und ihres Dokumentationszentrums in Berlin. Daten, Namen und Primärquellen zu jedem Verweis auf dieser Seite stehen auf der Institutionsseite.

Die sechs Stufen sind die Züge einer jahrzehntelangen Kampagne, keine Reihe von Zufällen. Samuel Salzborns Arbeit zu den Vertriebenenverbänden zeigt, dass der BdV über sieben Jahrzehnte als bundespolitischer Akteur gehandelt hat, nicht als Trauergemeinschaft, die widerwillig in die Politik gezogen worden wäre. Dieselben Züge kehren wieder, weil dasselbe Interesse wiederkehrt. Die Entkontextualisierung nahm in den 1990er Jahren die Form akademischer Auseinandersetzungen an. In den 2020er Jahren nimmt sie die Form von Personalstreit und Koalitionsklauseln an.

Michael Rothbergs Unterscheidung zwischen konkurrierender und multidirektionaler Erinnerung benennt den Einsatz. Konkurrierende Erinnerung behandelt das Leiden jeder Gruppe als exklusiven Anspruch auf öffentliches Gedenken. Multidirektionale Erinnerung behandelt eine Geschichte als Ressource, mit der eine andere gelesen werden kann. Die auf dieser Seite beschriebene Operation ist konkurrierende Erinnerung, die in institutionelle Architektur übersetzt wurde. Eine Analyse bei Zeitgeschichte-online zum deutschen Opferdiskurs beschreibt das Dokumentationszentrum als den schlimmsten Fall konkurrierender Denkmäler im Zentrum Berlins.

Stufe 01

Entkontextualisieren

Das Ereignis als eigenständige Tragödie rahmen. Die Bedingungen, die es möglich machten, ausblenden.

Die Vertreibung deutscher Zivilisten aus dem Osten zwischen 1944 und 1950 wird zum Gegenstand. Der NS-Vernichtungskrieg in Osteuropa wird zu Hintergrund, Kontext oder Vorgeschichte. Die Kausalkette erscheint in einem oder zwei Sätzen und fehlt in den Räumen, durch die eine Besucherin tatsächlich geht.

Fallbeleg

Die Dauerausstellung des Dokumentationszentrums beginnt mit einem globalen thematischen Stockwerk zur Zwangsmigration. Die deutsche Vertreibung erscheint auf einem zweiten Stockwerk, das den Zweiten Weltkrieg chronologisiert. Der BdV und seine politischen Verbündeten haben durchgehend dagegen protestiert, diese Rahmung sei übertrieben. Ihr Einwand lautet nicht, die Rahmung sei falsch. Ihr Einwand lautet, sie sei überhaupt vorhanden.

Der BdV sagte den stillen Teil in seiner eigenen Pressemitteilung am Eröffnungstag laut. Die Mitteilung vom 21. Juni 2021 feiert das Dokumentationszentrum dafür, dass es „Vertreibungsschicksale aus dem Erinnerungsschatten" hole. Der Schatten, den der BdV benennt, ist der Holocaust. In seiner eigenen Selbstbeschreibung am Eröffnungstag benennt der BdV den NS-Vernichtungskrieg als dasjenige, was seiner Trauer bisher im Wege gestanden habe.

BdV-Präsident Stephan Mayer bezeichnete die Ausstellung später als steril, hyperdidaktisch und unempathisch und erklärte, sie vermittle den Heimatvertriebenen nicht als Markenkern der Stiftung. Berichtet in Der Freitag, April 2026. Die Rede beim BdV-Jahresempfang 2025 rahmt die Heimatvertriebenen als die einzige Opfergruppe des Zweiten Weltkriegs, die ihren Status als Opfergruppe bis heute rechtfertigen müsse.

Der entkontextualisierende Zug trat 2015 auch als Streit um einen einzigen Artikel zutage. Der Gründungsauftrag der Stiftung bezeichnet die deutsche Vertreibung je nach Lesart als der Schwerpunkt oder ein Schwerpunkt der Ausstellung; der bestimmte Artikel macht die deutsche Vertreibung zum Kern der Stiftung, der unbestimmte zu einem Thema unter mehreren. Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats lasen den bestimmten Artikel als politische Richtungsentscheidung, die sie nicht mittragen konnten. Krzysztof Ruchniewicz trat mit dem Satz zurück, der Beirat sei keine Filiale des BdV. Berichtet in Christiane Habermalz, Deutschlandfunk Kultur, 30. Juni 2015. Sechs Monate später benannte Ruchniewicz in einem Interview mit der taz vom 19. Dezember 2015 das strukturelle Problem in drei Worten: Es gibt einen Geburtsfehler. Ein Historiker, der im Beirat gesessen hatte, diagnostizierte die Stiftung als bei der Gründung beschädigt.

Bernd Fabritius benannte den Mechanismus 2024 in seinem Brief an Bavendamm in einem einzigen Satz: An dieser Stelle wird der Kontext mit der Kausalität vermengt. Der Vorwurf lautet, die Ausstellung lasse Besucher den NS-Vernichtungskrieg als Ursache der Vertreibungen lesen statt als Kontext daneben. Berichtet in der taz, März 2026.

Piotr Madajczyk, Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, benannte dieselbe Forderung von der anderen Seite. In einem Interview mit der Deutschen Welle vom 20. März 2026 sagte Madajczyk, eine BdV-nahe Überarbeitung bedeute Änderungen an der Ausstellung nach dem Motto mniej o waszych ofiarach, więcej o naszych, weniger über eure Opfer, mehr über unsere. Zwei Formulierungen ein und derselben Forderung. Fabritius beschreibt den Mechanismus aus dem Innern des BdV (Kontext werde mit Kausalität vermengt). Madajczyk beschreibt ihn aus dem Beirat (weniger von euren Toten, mehr von unseren). Das sind die beiden klarsten Aussagen zu dem Vorgang, den diese Seite dokumentiert.

Stufe 02

Universalisieren

Das Ereignis in einen globalen Rahmen stellen, in dem alle Zwangsmigrationen ein gemeinsames Wesen teilen. Kausale Bestimmtheit wird unhöflich.

Sobald jede Vertreibung ein Fall von Zwangsmigration im Allgemeinen ist, tritt die Frage, wer wen wozu gezwungen hat, in den Hintergrund. Ein 1990 abgeschobener mosambikanischer Vertragsarbeiter, eine syrische Familie von 2015 und ein Sudetendeutscher von 1946 teilen einen Raum. Der Raum handelt von Verdrängung. Der Raum handelt nicht von Ursache.

Fallbeleg

Das erste Stockwerk der SFVV-Ausstellung ist in sechs thematische Cluster zur Zwangsmigration weltweit gegliedert. Der Rahmen ist ausdrücklich vergleichend. Die taz stellte fest, dass die Behandlung aktueller Flüchtlinge einen fast rosigen Eindruck von Flucht erzeugt.

Die Ausstellungsbesprechung der taz vom 26. Juni 2021 vermerkt, dass die Darstellung heutiger Verdrängung auf Fotos voller Teller, Flughäfen und Willkommensbändchen setzt und den Eindruck erzeuge, Flucht heute sei kaum mehr als eine anstrengende Reise.

Stufe 03

Institutionalisieren

Eine politische Forderung in eine Bundesstiftung, eine Dauerausstellung, einen öffentlichen Etat und ein Gebäude übersetzen. Die Forderung wird zur staatsbürgerlichen Pflicht.

Was als Lobbyarbeit beginnt, endet als Infrastruktur. Eine Bundesstiftung hält ein Gebäude. Das Gebäude hält eine Ausstellung. Die Ausstellung wird zur Antwort auf die Frage, der sie vorausgreifen sollte.

Fallbeleg

Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung wurde 2008 per Bundestagsbeschluss errichtet. Das Dokumentationszentrum öffnete 2021 im Berliner Deutschlandhaus mit Bundesmitteln und einer Dauerausstellung. Angela Merkel war zur Eröffnung anwesend.

Die Stiftung wurde 2008 durch Bundesgesetzgebung errichtet. Der Verweis auf den Errichtungsparagraphen findet sich im Stiftungsartikel auf deutscher Wikipedia. Der Koalitionsvertrag 2005 von CDU/CSU und SPD hatte die Bundesregierung bereits auf ein sichtbares Zeichen in Berlin verpflichtet.

Stufe 04

Übernehmen

Die Leitungsgremien besetzen. Die Aufsicht in ein freundlicheres Ministerium verlegen. Die institutionelle Form erzeugt institutionelle Autorität; die Übernahme entscheidet, was diese Autorität sagt.

Der Stiftungsrat einer Stiftung ist die Stiftung. Die Zusammensetzung des Stiftungsrats zu ändern ändert, was die Institution schließen darf. Die Aufsicht von einem Ministerium auf ein anderes zu verlegen ändert, welche politische Koalition das letzte Wort hat.

Fallbeleg

Dem Stiftungsrat gehören BdV-Vertreter und Unionsabgeordnete neben Historikerinnen an. Im Mai 2025 verlagerte ein Organisationserlass die Aufsicht von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) auf das Bundesministerium des Innern unter Alexander Dobrindt (CSU).

Eine Kleine Anfrage, die von der Bundesregierung beantwortet wurde, bestätigt, dass das Bundesministerium des Innern am 1. November 2025 die Verantwortung für die Stiftung übernommen hat. Der Stiftungsrat hat 21 Sitze. Der BdV hält sechs davon.

Diese sechs Sitze stützen sich auf eine Behauptung, die der BdV selbst nicht belegen kann. Die Organisation stellt sich als Vertretung von 15 Millionen Vertreibungsopfern durch rund 1,3 Millionen Mitglieder in ihren Landsmannschaften und Landesverbänden dar. Eine Umfrage der Nachrichtenagentur ddp schätzte die tatsächliche Zahl auf rund eine halbe Million. SPD-Abgeordnete fragten die Bundesregierung danach in BT-Drucksache 17/580 vom Januar 2010; eine geprüfte Zahl wurde nicht vorgelegt. Andreas Kilb eröffnete seinen zentralen FAZ-Beitrag vom 19. März 2026 mit demselben Streit. Die Institution, die mit sechs Stiftungsratssitzen Millionen Vertriebene vertritt, kann ihre eigene Mitgliederzahl nicht belegen. Die Sitze sind real. Das Mandat ist es nicht.

Stufe 05

Ausschalten

Die Direktorin entfernen, die auf der Kausalrahmung besteht. Die Entfernung als verfahrens-, leitungs- oder tonbedingt darstellen.

Eine Säuberung wird nie als Säuberung bezeichnet. Sie ist immer eine Nichtverlängerung, eine Auseinandersetzung über die Richtung, eine Suche nach neuer Leitung. Die Wirkung ist, dass die Mitarbeiterin, die den Holocaust als Grund der Geschichte behandelt hat, nicht mehr im Haus ist.

Fallbeleg

Der erste Direktor, Manfred Kittel, wurde im Dezember 2014 nach anhaltendem Konflikt mit dem wissenschaftlichen Beirat über die Kontextualisierung entlassen. Im November 2025 verweigerte der Stiftungsrat die Vertragsverlängerung Gundula Bavendamms trotz einmütigen Protests des wissenschaftlichen Beirats. Berichtet in Der Freitag.

Die Institution duldet Druck aus keiner Richtung. Im Februar 2021, unter Bavendamms Direktorat, verlangte die Stiftung von Regisseur Ersan Mondtag, Zitate aus Björn Höckes Forderung nach einer erinnerungspolitischen Wende um 180 Grad aus einer beauftragten Produktion zu streichen. Mondtag nannte den Eingriff Zensur in einem Brief an Kulturstaatsministerin Grütters. Vier Jahre später wurde Bavendamm selbst entfernt, weil sie zuließ, dass der NS-Vernichtungskrieg auf dem zweiten Stockwerk sichtbar blieb. Dieselbe Direktorin, die einem Künstler verboten hatte zu zeigen, wie die AfD die deutsche Vertreibung instrumentalisiert, wurde entlassen, weil sie sich weigerte, diese Vertreibung von ihrer Ursache zu entkoppeln. Die Institution wies zu viel Kontext zurück, und sie wies zu viel Sichtbarkeit derjenigen zurück, die von der Entfernung des Kontexts profitieren. Die Zurückweisung läuft in beide Richtungen.

Der BdV gab in den vier Monaten nach der Nichtverlängerung keine öffentliche Erklärung ab. Seine erste öffentliche Stellungnahme erschien am 22. März 2026, als Präsident Stephan Mayer „Auftrag der Stiftung in den Mittelpunkt stellen – Debatte versachlichen" veröffentlichte und die Nichtverlängerung als routinemäßige Personalentscheidung rahmte und die öffentliche Diskussion interner Stiftungsratsberatungen kritisierte. Die Abwesenheit ist der Beleg. Eine routinemäßige Personalentscheidung verlangt keine vier Monate Schweigen, bevor jemand bereit ist, sie routinemäßig zu nennen.

Stufe 06

Wiederbesetzen

Die entfernte Direktorin durch jemanden ersetzen, der die Vertreibung als den Markenkern der Institution behandelt, unbeschwert vom Kontext.

Der Ersatz muss nichts Extremes sagen. Er muss nur die Voraussetzung annehmen, dass die deutsche Vertreibung der „Markenkern" der Institution ist und dass Kontextualisierung ein zu lösendes Problem darstellt. Von dort aus wird die Dauerausstellung überarbeitet, werden die Wandtexte abgemildert, und die Stiftung wird, wozu ihre Gründer sie 1999 machen wollten.

Fallbeleg

Anfang 2026 schob der BdV Sven Oole, Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsgruppe der Vertriebenen, als Nachfolger Bavendamms nach. Oole hatte weder Museums- noch wissenschaftliche Referenzen. Nachdem der wissenschaftliche Beirat im März und April 2026 mit geschlossener Rücknahme gedroht hatte, zog Oole zurück. Stattdessen wurde Roland Borchers vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit zum Direktor berufen. Der Koalitionsvertrag verlangt eine Überarbeitung der Dauerausstellung.

DIE STIFTUNG berichtet, dass Roland Borchers vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide zum Direktor berufen wurde, nachdem Oole unter dem Druck des wissenschaftlichen Beirats zurückgezogen hatte. Nach Angaben des Freitag warfen BdV und Unionsabgeordnete Bavendamm vor, den NS-Kontext überzubetonen, und der Koalitionsvertrag 2025 verlangt eine Überarbeitung der Dauerausstellung.

Der entscheidende Faktor war nicht der Protest des Beirats allein. Piotr Madajczyk warnte in einem Interview mit der Deutschen Welle, dass Ooles Berufung in Polen als Paradigmenwechsel und nicht als Personalwechsel gelesen würde. Bundeskanzler Friedrich Merz intervenierte persönlich, um die Berufung zu verhindern, mit Verweis auf die außenpolitischen Kosten für das deutsch-polnische Verhältnis. Die Schlagzeile des Tagesspiegels für die entscheidende Stiftungsratssitzung lautete Feindliche Übernahme verhindert. Eine bürgerliche Berliner Tageszeitung nannte es beim Namen. Der Mechanismus, der die Übernahme stoppte, ist derselbe, den Troebst 2012 beschrieb: deutsch-polnische diplomatische Empfindlichkeit als äußere Schranke dessen, was der BdV innerstaatlich tun kann.

Die Übernahme scheiterte. Die Struktur blieb unverändert. Der BdV hält weiterhin sechs der 21 Stiftungsratssitze. Der Koalitionsvertrag 2025 verlangt weiterhin eine Überarbeitung der Dauerausstellung. Die Aufsicht liegt beim Bundesministerium des Innern unter Alexander Dobrindt. Der nächste Zyklus der Operation beginnt von derselben Ausgangslage.

Die vollständige Chronologie und Primärquellen finden sich auf der Institutionsseite. Die Folgen für das, was eine Besucherin tatsächlich sieht, stehen auf der Ausstellungsseite.